Isabel Morgenstern, M.A.

Als Spezialistin für das Verfassen von Biografien beschäftige ich mich seit mehr als 10 Jahren intensiv mit den Lebensgeschichten anderer Menschen. Als freie Autorin und Ghostwriterin schreibe ich seit 2014 Biografien, Portraits, belletristische und berufliche Texte für private Auftraggeber*innen. Als Schreibcoach begleite ich u.a. in meinen Kursen zum Kreativen Schreiben Autor*innen beim Verfassen biografischer, literarischer, fachlicher und beruflicher Texte. Als Lektorin redigiere ich Texte verschiedenster Art, wie z.B. sozialwissenschaftliche Fachtexte.

Während meines Studiums Master of Arts in Biografischem und Kreativem Schreiben von 2007-2009 an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin gründete ich den Verein Memory Biografie- und Schreibwerkstatt e.V.. Von 2008-2015 führte ich dort mit Förderung des Bundesfamilienministeriums Projekte zur Biografiearbeit durch. Dabei habe ich über 400 Menschen beim Schreiben und Erzählen ihrer Lebensgeschichten begleitet. Für den Verein habe ich verschiedene Bücher, Broschüren und Fachartikel verfasst.

Zu meinen Veröffentlichungen gehört u.a. das Buch Geschichten, die Mut machen: Biografiearbeit mit Eltern und Großeltern (2015).

Erste Erfahrungen mit dem Schreiben von Biografien sammelte ich während meines Magisterstudiums der Nordamerikanischen Sprach- und Literaturwissenschaft sowie Film- und Theaterwissenschaft (FU Berlin). Sie mündeten 1994 in meine Abschlussarbeit über die ersten Filmregisseurinnen.

In der Folge qualifizierte ich mich durch mein Studium als Theaterpädagogin an der Universität der Künste und als Autorin am Institut für Kreatives Schreiben Berlin und bin seit über 20 Jahren als freiberufliche Referentin in der künstlerischen Erwachsenenbildung tätig.

Mitgliedschaft in folgenden Verbänden

Bücherfrauen e.V. – Berufsverband von Frauen in der Buchbranche
FaBia e.V. – Fachverband für Biografiearbeit

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Veröffentlichungen

Zum Thema Biografiearbeit

Morgenstern, Isabel Ursula (2015): Geschichten, die Mut machen: Biografiearbeit mit Eltern und Großeltern. Berlin: Memory Werkstatt e.V.. Darin auch die Texte von Autor*innen, die ich beim Schreiben begleitet habe: Texte von Eltern und Großeltern.

Morgenstern, Isabel Ursula (2013): Biografiearbeit mit Kindern und Eltern im Stadtteil. Berlin: Memory Werkstatt e.V..

Morgenstern, Isabel/ Memory Biografie- und Schreibwerkstatt e.V. (2011): Projekt Lebensbuch – Biografiearbeit mit Jugendlichen. Mülheim: Verlag an der Ruhr.

Biografien & Literarische Texte

Morgenstern, Isabel (2018): Maddalena Campiglia. In: Fembio. Frauen-Biographieforschung.

Morgenstern, Isabel (2018): Charlotte Charke. In: Fembio. Frauen-Biographieforschung.

Morgenstern, Isabel (2011): Lindas Katze. In: Plinke, Manfred (Hrsg.): Sie streichelt ihre Katze mehr als mich. Berlin: Autorenhaus-Verlag, S. 157-168.
Kurzgeschichte lesen

Morgenstern, Isabel (2011): Tunnelfahrt. In: Rademacher, Guido (Hrsg.): … und dann ging die Geschichte erst richtig los: Ein Lesebuch. Biografisches und Kreatives Schreiben an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Berlin: Schibri-Verlag, S. 91-96.
Kurzgeschichte lesen

Weitere Fachartikel/ Zeitschriftenbeiträge

Morgenstern, Isabel Ursula (2016): Projekt Lebensbuch: Ressourcenorientierte Biografiearbeit und Sprachbildung mit Kindern und ihren Familien. Fördermagazin Grundschule, 2/2016, S. 37-38.

Morgenstern, Isabel (2015): Biografiearbeit in vielfältigen Kontexten. Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung, 33, 1, S. 34-41.

Morgenstern, Isabel (2014): Projekt Lebensbuch. Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen. In: frühe Kindheit. Zeitschrift der Deutschen Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft, 17, 5, S. 61-63.

Morgenstern, Isabel (2014): „Erzähl mir was vom Pferd!“ – Ressourcenorientierte Biografiearbeit und Sprachförderung. Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft/ LISUM Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg: Fachbrief Durchgängige Sprachbildung/ Deutsch als Zweitsprache 16, S. 11-18.

Morgenstern, Isabel (2013): Interview mit Isabel Morgenstern zum Projekt Lebensbuch – Biografiearbeit mit Jugendlichen. In: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft/ Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg LISUM: Fachbrief Durchgängige Sprachbildung/ Deutsch als Zweitsprache 14, S. 19-23.

Morgenstern, Isabel (2010): Das Spiel als schöpferischer Prozess. Essay. In: Korrespondenzen. Zeitschrift für Theaterpädagogik. 56, 1, S. 45-50.

Morgenstern, Isabel (2010): Projekt Lebensbuch: Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Schule. In: alice. Magazin der Alice-Salomon-Hochschule Berlin 19, S. 34-35.
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Textproben für Biografisches Schreiben

Biografisches Schreiben

Hier finden Sie Texte aus Biografien und Familienbüchern, deren Autor*innen ich beim Schreiben begleitet habe. Die Bücher entstanden im Rahmen des Projektes Geschichten, die Mut machen mit Eltern und Großeltern, das ich für die Memory Biografie- und Schreibwerkstatt e.V. durchgeführt habe.

Weitere Textproben aus meiner Arbeit als Biografin bzw. als Schreibcoach:

Textprobe 1: Auszug aus einer Biografie

Im September 1989 bin ich nach Berlin gezogen, in ein Haus, das direkt an der Mauer stand. Ich lebte zum ersten Mal in einer großen Stadt und hatte über eine Bekannte eine etwas heruntergekommene, aber schöne Altbauwohnung gefunden.

Einige Meter neben dem Haus endete die Straße. Vor einer etwa dreieinhalb Meter hohen, mit bunten Graffitis besprühten Wand stand eine kleine Aussichtsplattform. Die meisten Menschen hatten sich an das Leben mit der Mauer gewöhnt, schien es. Für mich war alles noch neu, und ich konnte nicht anders: Immer wenn ich nach Hause kam, ging ich zuerst zu der Plattform und stieg hinauf.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie überrascht ich war, als ich zum ersten Mal sah, dass auf dem Mauerstreifen etwas wuchs. Ich hatte mir das Niemandsland in der geteilten Stadt wie eine tote, leere Fläche vorgestellt. Statt­dessen war es bewachsen mit Büschen und wilden Kräutern, und damals im Spätsommer blüh­ten dort leuchtend gelb Goldruten und Johanniskraut – ganz wie zuhause hinter unserem Haus. Besonders gerne beobachtete ich die Kaninchen, die wie zum Trotz zwischen den wilden Sträuchern herumhoppelten und hier und da ihre Lauscher oder ihr weißes Hinterteil in die Höhe streckten.

Oft schauten die Wächter im Turm auf der anderen Seite mit ihrem Fernglas demonstrativ herüber. Manchmal starrte ich zurück, manchmal versuchte ich, sie zu igno­rieren.

Ich hatte in dieser Zeit nachts einmal einen Traum, der wie eine Vorahnung klingt, wenn man an die nachfolgenden Ereignisse denkt: Ich träumte, dass auf dem Mauerstreifen ein großes, buntes Fest stattfinden würde, mit Ständen, Tischen und bunten Fähnchen, und dass die Menschen alle zusam­men feierten.

Es gab noch einen anderen Ort, den ich damals öfters besuchte. Auch dort war es ein einfaches Naturerlebnis, das mich nachhaltig beschäftigte. Monika, meine Bekannte, hatte einen Hund, und wir trafen uns fast jedes Wochenende zum Spazierengehen an der Mauer. Wir liefen dann über den Checkpoint Charlie bis zum Prinz-Alb­recht-Gelände, wo sich in der Nazizeit das Hauptquartier der Geheimen Staatspolizei befand. Das Gelände war eine mit Gras bewachsenen Ruine, es standen nur noch wenige Mauerreste. Was man aber sehen konnte, waren die gekachelten Keller, in denen Jahre früher Menschen gefangen, gefoltert und ermordet wurden.

Wir spazierten mit dem Hund über das hügelige Gelände, und an sonnigen Tagen setzten wir uns auf die Erde. Jedes Mal wenn ich dort war, fragte ich mich, wie hier, an einem Ort, an dem so viel Unrecht und Leid geschehen war, einfach Gras wachsen konnte.

Meine neue Arbeit machte mir von Anfang an großen Spaß. Ich war stolz, dass ich den Absprung geschafft hatte und von A. weggezogen war. Nach der Trennung von Jürgen hatte mich dort nicht mehr viel gehalten. Viele Kollegen kamen wie ich aus Westdeutschland. Möglicherweise lag es daran, dass ich schüchtern war, oder dass ich auf die Anonymität des Großstadtlebens nicht gefasst war, aber es fiel mir anfangs sehr schwer, neue Menschen kennenzulernen.

Eines Abends, es war schon dunkel, klingelte es an meiner Tür. Es war Monika, die ganz in der Nähe wohnte und mit ihrem Hund einen Spaziergang gemacht hatte. Sie war völlig außer sich und rief von unten im Trep­penhaus: „Hast du schon gehört? Die machen die Mauer auf!“ Ich zog schnell eine Jacke an und wir liefen in Windeseile zum Checkpoint Charlie. (…)

Textprobe 2: Schreibcoaching

Mit achtzehn hatte ich zwar immer noch keine beruflichen Zukunftspläne, aber endlich eine Freundin. Ich hatte zwei Mal die Schule abgebrochen und keine Arbeit, aber das machte nichts, denn ich war bis über beide Ohren verliebt. Wiebke hatte ein kleines Einkommen als Reitlehrerin, doch das reichte bei weitem nicht aus, um uns beide zu ernähren. Ein Job musste her!

So durchforstete ich die Regionalzeitungen nach Stellenanzeigen. Damals war das Angebot an freien Stellen nicht gerade üppig, aber schließlich hatte ich Erfolg mit einer Bewerbung als Verkäuferin in einer Imbissbude. Sofort machte ich meiner Mutter telefonisch Meldung über meinen neuen Job und erwartete natürlich, dass sie ebenso begeistert sein würde wie ich von meinem neuen Karrierestart. Doch statt Lob und Zustimmung hagelte es entrüste Vorwürfe. Meine Mutter wurde so laut, dass ich den Telefonhörer vom Ohr weghalten musste: „Meine Tochter arbeitet nicht als Pommesverkäuferin! Das kommt überhaupt nicht in Frage! Du meldest dich sofort am Gymnasium an und machst endlich dein Abitur! Und wenn du dich nicht anmeldest, komme ich selbst und übernehme das!!“ Fassungslos legte ich den Hörer auf. Ich war es bisher immer gewohnt, dass sie mich in allen meinen Entscheidungen – und waren sie auch noch so unausgegoren – unterstützte. Doch dieses Mal zeigte sie sich kompromisslos.

Dennoch wäre es mir nie in den Sinn gekommen, meiner Mutter zu widersprechen. Immerhin hatte sie es klaglos hingenommen, dass ich vom ersten Gymnasium abgegangen war, um Erzieherin zu werden, und vom zweiten Gymnasium, um Maler- und Tapeziererin zu werden. Sie hatte Verständnis dafür aufgebracht, dass ich die eine Ausbildung erst gar nicht angefangen und die andere nach einem halben Jahr hingeworfen hatte. Auch meinen Umzug zu Wiebke hatte sie bedingungslos unterstützt. So hatte ich nicht damit rechnen können, dass sie eine weitere berufliche Eskapade unter dem Titel „Mein Leben als Pommesverkäuferin“ nicht hinnehmen wollte. Ich war so überrascht von ihrer Reaktion, dass ich folgsam meine Zeugnisse zusammenraffte und beim Gymnasium in der Hermannsburger Missionsstraße vorstellig wurde.

Dort war man nicht gerade begeistert, weder über meine Person noch über meine Schulabbrüche, und verweigerte mir die Aufnahme. Ich war froh darüber, wollte die Angelegenheit auf sich beruhen lassen und dachte, dass meiner Imbissbudenkarriere nun nichts mehr im Weg stünde. Doch weit gefehlt: Meine Mutter – sonst nicht gerade wehrhaft – machte ihre Ankündigung wahr und kam nach Hermannsburg. Es stellte sich heraus, dass die Schule mich gar nicht ablehnen konnte, da ich die 10. Klasse mit der Berechtigung abgeschlossen hatte, in die Oberstufe zu wechseln. Zähneknirschend – was für beide Seiten galt – wurde ich also in die 11. Klasse aufgenommen und startete mit 18 meinen dritten Abituranlauf. Meine Mutter sorgte für die nötige finanzielle Unterstützung.

Es wurden drei recht muntere Jahre am Hermannsburger Gymnasium, in denen ich die Redaktion der Schülerzeitung übernahm, darin Artikel über Sexualität veröffentlichte, die von der Schulleitung regelmäßig zensiert wurden; in denen ich sehr gute neue Freunde und Freundinnen fand (was einfach war, da ich die einzige Schülerin mit Führerschein und Auto war); in denen ich jede Menge Spaß hatte, den Lehrerinnen und Lehrern gehörig auf die Nerven ging, meine Freundin mich verließ, ich gerade so den Notendurchschnitt schaffte, um zum Abitur zugelassen zu werden und schließlich die Abschlussprüfung mit Ach und Krach bestand. Das Originalzeugnis ging verloren, kaum dass ich die Urkunde in Händen hielt. Ich weiß bis heute nicht, wo das Papier abgeblieben ist. Mit einer beglaubigten Kopie im Koffer verließ ich 1977 die Lüneburger Heide und machte mich auf den Weg nach Berlin, um zu studieren – wenn ich auch keine Ahnung hatte, was. (…)

Textprobe 3: Auszug aus einer Biografie

Bald nach meiner Ankunft in Verona besuchte ich einen Italienischkurs. Dabei machte ich viele neue Bekanntschaften, unter anderem mit Maria und Ernesto aus Brasilien, mit denen ich heute noch befreundet bin. Unsere Italienischlehrerin war Kunsthistorikerin und lud uns eines Tages zu einem Ausflug nach Venedig ein. Es war Februar und ein eisiger Wind fegte durch die Gassen und Kanäle. Trotz der niedrigen Temperaturen waren viele Menschen in historischen Kostümen unterwegs. Ich habe das damals zum ersten Mal gesehen und war so begeistert, dass ich in meiner Zeit in Italien noch oft zum Karneval nach Venedig gefahren bin. Manchmal habe ich mich auch selbst verkleidet, mit Umhang, Maske und Dreispitz. Aber davon später mehr.

Das Lernen von Sprachen ist mir immer leicht gefallen. Ich merkte mir die Aufschriften auf Bussen und Werbeplakaten, und wenn ich etwas nicht verstand, schlug ich es zuhause gleich nach. Dennoch gab es auch lustige Situationen, in denen meine geringen Sprachkenntnisse vor allem in der Anfangszeit für Verwirrung sorgten.

So ging ich wenige Wochen nach meiner Ankunft in Verona zu meiner Vermieterin, um sie darum zu bitten, die Heizung höher zu stellen. Ich hatte mir den Satz vorher in Gedanken zurecht gelegt und sagte zu ihr: „Fa molto caldo in casa.“ Da sie mich nicht zu verstehen schien, machte ich mit dem Oberkörper einige Schüttelbewegungen und rieb mir dabei die Hände. Anstatt jedoch den gewünschten Effekt zu erzielen, blickte sie noch verständnisloser drein. Plötzlich fiel mir ein, dass kalt auf Italienisch ja nicht caldo, sondern freddo hieß. Sofort schwenkte ich um und rief: „No, no, non fa caldo – fa freddo, fa freddo!“ was meine Vermieterin noch ratloser zurückließ. Trotzdem habe ich es geschafft, mich irgendwie verständlich zu machen: Ein paar Tage später wurde die Heizung tatsächlich ein klein wenig wärmer.

Manchmal waren es auch weniger schöne Begebenheiten, die Anlass zum Lernen neuer Vokabeln gaben: Eines Morgens – es war der Tag vor Karfreitag – stand ich auf und wollte wie üblich den Rollladen in meinem Schlafzimmer hochziehen. Kaum hatten sich die Lamellen bewegt, gab der Rollladen ein ratschendes Geräusch von sich und blieb wenige Zentimeter über dem Boden stecken. Egal was ich tat, im Kasten rührte sich nichts. Ich versuchte, noch vor den Feiertagen einen Handwerker zu finden, aber ohne Erfolg. Am selben Abend merkte ich, dass eine Erkältung im Anflug war, und am nächsten Morgen ging es mir so schlecht, dass ich nicht aufstehen konnte. So lag ich über Ostern mit Fieber im Bett und habe dabei das Wort tapparella gelernt.

Schon damals interessierte ich mich sehr für das italienische Kino. Jede Woche besuchte ich ein kleines Veroneser Programmkino, aber immer nur am Nachmittag, da ich abends unterrichtete. So erfuhr ich, dass viele ältere Italienerinnen und Italiene­r Cineasten sind: Das Kino war immer bis auf den letzten Platz ausverkauft. Außer mir besuchten fast ausschließlich ältere Herrschaften die Nachmittagsvorstellung, die sich neben den Klassikern auch die Neuheiten der Filmfestspiele von Venedig ansehen wollten. Nach den Filmen ergaben sich oft Gespräche und ich konnte mein gebrochenes Italienisch erproben. Dabei habe ich eine ältere Veroneserin kennengelernt, und wie es der Zufall wollte, saßen wir einige Male nebeneinander. Sie fragte mich, woher ich käme und lud mich zu sich nach Hause ein. (…)

Am meisten freute ich mich, wenn ich Anna besuchte. Sie wohnte mit ihrer Familie in Soave, und ich war dort sonntags regelmäßig zum Mittagessen eingeladen. Außer ihren Eltern gehörten auch ihre Geschwister Claudia und Daniele zur Familie, die beide schon weit über dreißig waren, aber noch zuhause lebten.

Das Sonntagsessen war für die Familie immer ein großes Ereignis und begann mit den Vorbereitun­gen am frühen Vormittag. Ich kam in der Regel gegen halb elf in Soave an, und Anna holte mich an der Bushaltestelle ab. Wenn ihre Mutter mir in der Küche einen Kaffee zubereitete, stand meist schon ein irdenes Töpfchen auf dem Herd, in dem auf kleiner Flamme eine Tomatensauce köchelte. Anfangs wunderte ich mich, denn jedes Mal, wenn ich daran vorbeikam, sah ich, wie mitten in der Sauce ganz malerisch ein frisches Basilikumblatt lag. Ich fragte mich, wie dieses zarte Blättchen so lange frisch bleiben konnte, wenn es doch schon den ganzen Morgen vor sich hin schmorte. Schließlich fragte ich nach, und die Frauen lachten: Immer wenn eine von ihnen am Herd vorbeilief, legte sie ein frisches Blatt in das Töpfchen. Damit war das Saucengeheimnis ge­lüftet, und es war wirklich die beste Tomatensauce, die ich je gegessen habe. (…)

 

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